Written by Andreas Lerg

Favela Babilônia in Rio de Janeiro – Aufbruch zum Umbruch

Favela Babilônia in Rio de Janeiro – Aufbruch by Andreas Lerg

Wer an Rio de Janeiro denkt und den Begriff Favelas hört, der hat sofort ein festes Bild vor Augen: Armut und Dreck, Gewalt und Kriminalität, Elend und Verwahrlosung. Mag diese Beschreibung auch auf viele der wild und illegal entstandenen Stadtteile der Millionenmetropole am Atlantik zutreffen, so geht es auch anders. Der Tourist, der sich interessiert und nicht nur die Standard-Stadtrundfahrt bucht, um sich dann tagelang an die Copacabana zu legen und Röstaromen anzusetzen, der kann einen Einblick in das Leben in einer Favela bekommen. In die Favela Babilônia.

Der „Morro da Babilônia“ (Hügel von Babylon), wie die Favela offiziell heißt, gilt heute als einer der sicheren Favelas, in die sich auch Touristen trauen können. Das sollten sie jedoch nie ohne ortskundigen Tourguide tun. Jemanden, der sich auskennt, der das Labyrinth aus Treppen und Pfaden im Schlaf durchwandern kann und der auch weiß, was man vor Ort vielleicht doch besser bleiben lässt. Vor allem aber profitieren die wissbegierigen Gäste von der Kenntnis der Fremdenführer, die über die Entwicklung und die sozialen Projekte auf dem steil ansteigenden und dicht besiedelten Hügel berichten können.

Was sind überhaupt Favelas?

Bevor wir gemeinsam durch Babilônia wandern, kurz eine Erklärung, was Favelas überhaupt sind. Das Wort entstammt dem Portugiesischen und bedeutet Armen- oder Elendsviertel. Die Beschreibung ist nicht verkehrt. Es handelt sich um meist illegal errichtete Stadtteile und Viertel in brasilianischen Großstädten. Sie werden meist von armen landflüchtigen Menschen errichtet, die in der Hoffnung auf Arbeit und bessere Lebensumstände in die Städte abwandern. Ohne Grundstücke zu besitzen oder eine Baugenehmigung zu haben, errichten sie Hütten. In der Entstehungsphase einer Favela wird meist benutzt, was verfügbar ist. Kisten, Bretter, Bleche, eher Müll als Baumaterial.

Bagger oder Bestätigung

Im Laufe der Jahre werden die primitiven Behausungen verbessert, es entstehen stabilere Holzhäuser oder auch gemauerte Häuser. Die Bewohner zapfen meist illegal Strom und Wasserleitungen an. Abwässer fließen meist in offenen Gräben die Hügel hinab. Irgendwann, wenn eine gewisse Besiedlungsdichte erreicht ist, fällt meist die Entscheidung: Entweder lässt eine Stadtverwaltung die wilde Siedlung abreißen. Dann rollen die Bagger an und die Räumung wird von der Polizei durchgesetzt. Oder sie wird anerkannt und manchmal sogar mit offizieller Infrastruktur versorgt. In der Regel werden heute die Favelas anerkannt und nicht mehr planiert.

Während letzteres eigentlich positiv ist, bringt die Bestätigung als städtisches Siedlungsgebiet dennoch oft ein unerwartetes Erwachen für die Bewohner einer Favela. Wo die Stadt plötzlich offiziell Strom und Wasser liefert, da werden dafür natürlich auch Rechnungen fällig. Und wo Bewohner entsprechend erfasst werden, können auf einmal auch Steuern erhoben werden.

Dennoch wird das Leben in solchen anerkannten Favelas bald besser, wie auch die Favela Babilônia in Rio de Janeiro belegt. Die hygienischen Zustände verbessern sich im Laufe der Zeit und die Stadt baut in Babilonia sogar Häuser, in die Menschen aus baufälligen Hütten oder von Hangrutschungen bedrohten Bereichen umziehen können.

Von Soldaten gegründet

Der Ursprung der Favela Babilônia geht auf Soldaten zurück. Die bauten Ende des 19 Jahrhunderts erste Hütten, um auf dem Berg Leme, der als militärischer Beobachtungsposten genutzt wurde, übernachten zu können. Später kamen Bauarbeiter dazu, die in der Stadt Tunnel zwischen dem alten Stadtkern und der Copacabana oder die ersten Straßenbahnlinien bauten.

Die Besiedlung der Favela Babilônia nahm dann in den 1930er Jahren richtig Fahrt auf, als weitere Bauarbeiter zuzogen, die in der wachsenden Stadt Appartementgebäude und Wohnviertel aufbauten.

Erste kurze Berühmtheit erfuhr die Favela Babilônia, als im Jahr 1959 die meisten Szenen des preisgekrönten Filmes „Black Orpheus“ in Babilônia gedreht wurden. Der Film, den der französische Regisseur Marcel Camus ins Szene setzte, ist eine moderne Adaption der Geschichte von Orpheus und Eurydike. Geschrieben von Vinicius de Moraes, spielt die moderne Version in einer Favela in Rio de Janeiro während des Karnevals von Rio. Die Hauptrollen in dem Film spielten Marpessa Dawn und Breno Mello.

So kam es zum Namen Babilônia

Es gibt zwei Geschichten, wie die Favela ihren Namen bekommen hat. Die eine besagt, dass der Hügel Erinnerungen an die hängenden Gärten von Babylon, einem der sieben historischen Weltwunder, geweckt habe. Eine andere ist etwas profaner. Demnach wurde die Siedlung nach einer in der Nähe liegenden Straßenbahnhaltestelle benannt. Diese lag an der Brauerei „Brahma“, die ein Bier mit dem Namen Babilônia verkaufte.

Die Favela Babilônia machte dann die übliche „Karriere“. In der einstigen armen Arbeitersiedlung zog das Verbrechen ein. Jahrzehnte lang waren Drogenbarone die Herrscher. Vor allem das Drogenkartell „Terceiro Comando“ (das „Dritte Kommando“) setzte seine Regeln mit Gewalt und Brutalität durch. Die Favela Babilônia war für die Drogengeschäfte der ideale Standort, da die berühmte Strandpromenade Copacabana als Umschlagplatz für Drogen nur einen Steinwurf weit weg war.

Die bewaffneten Drogenbanden kontrollierten dabei nicht nur den Drogenhandel. Sie beherrschten vor Ort auch die Versorgung mit alltäglichen Dingen wie Gas zum heizen und kochen. Die Banden verhängten Ausgangssperren und andere Regeln.

Ohne einen einzigen Schuss

Erste Polizeiaktionen in den Favelas und damit auch in Babilônia fanden 2007 statt. Anlässlich des anstehenden Papstbesuches sollte entlang der Route, die der Papst nehmen sollte, für Sicherheit gesorgt werden.

Der eigentliche Wandel begann im Juni 2009, als die Polizei die Favela Babilônia und die Nachbarfavela Chapeu Mangueira besetzte, ohne auch nur einen Schuss abzufeuern, oder abfeuern zu müssen. Ziel der Aktion war es, Babilônia von den Drogenbanden zu befreien und in einen „Modell-Stadtteil“ zu verwandeln. Seit dieser Zeit gibt es in der Favela eine Polizeistation der „Polizei Friedens Einheiten“ und mehrere Polizei-Posten. Und seit dieser Zeit sind die Drogenbanden und Verbrechersyndikate aus dieser Favela verschwunden und vieles hat sich zum Positiven gewandelt. Wo früher die bewaffneten Schergen des „Terceiro Comando“ patrouillierten, spielen heute Kinder.

Die letzte offizielle Zählung aus dem Jahr 2000 erhebt für Babilônia 1426 Bewohner und 380 Behausungen. Doch die Bewohner-Organisation von Babilônia nennt 3000 Bewohner und 800 Behausungen. 18 Straßen auf diesem Hügel haben mittlerweile offizielle Namen.

Bar do David Touristen sehen den Wandel

Als wir Babilônia im August 2014 besucht haben, konnten wir den Wandel an Hand von vielfältigen Beispielen sehen. Ein Wandel, der sich noch in vielen Kontrasten darstellt. Da wäre beispielsweise die „Bar Do David“, ein kleines Restaurant, das es dank seiner exzellenten Küche zu einiger Berühmtheit gebracht hat. Diverse Zeitungen und Blogs haben es besprochen und gelobt und deshalb zieht es auch Gäste von außerhalb an. Im Jahr 2013 gewann das Restaurant den zweiten Preis in einem Wettbewerb um das beste Essen in Bars in Rio de Janeiro. Ausgezeichnet wurden die Meeresfrüchte-Kroketten „Croquete de frutos do mar“.

Die „Bar Do David“ ist ein gutes Beispiel für diesen Kontrast, denn während Gäste in dem einfach aber adretten kleinen Lokal sitzen und gut essen, schauen sie von der Terrasse auf Müll und Dreck in der Straße direkt davor. Hunde balgen sich auf dieser Straße und auch die Gebäude in der direkten Nachbarschaft zeigen deutlich, dass man hier garantiert nicht in einem noblen Restaurantviertel ist und isst.

Escolinha Tia Percilia Die soziale Schule

Von der Bar sind wir dann die ersten schmalen Treppen und Wege hangaufwärts gestiegen und haben die „Escolinha Tia Percilia“ besucht. Das ist eine Betreuungsschule, in die die Kinder der Favela vor und nach der eigentlichen Schule gehen können. Wenn die Eltern noch auf der Arbeit sind, bekommen sie hier Mittagessen und können sich bei den Hausaufgaben helfen lassen. Die Schule bietet auch Freizeitaktivitäten an und versorgt die Kinder nötigenfalls mit Medikamenten.

Die Schule wurde schon 1991 gegründet und hat es sich seit je her zur Aufgabe gemacht, Kinder von der Straße und damit aus dem Drogenumfeld zu holen und ihre Schulbildung zu ermöglichen und zu fördern. Finanziert wird das beeindruckende Projekt von der schwedischen Stiftung „Gatubarn„.

Gleichzeitig ist diese Schule der Dreh- und Angelpunkt des Wiederaufforstungsprojektes mit dem der Berg an den sich die Favela hinauf schmiegt, wieder begrünt wurde und wird. Einst wurde der Wald auf diesem Berg im Stadtteil Leme abgeholzt, um Baumaterial für die zahlreichen Projekte zu gewinnen. Aber der Wald wurde auch für bescheidene Landwirtschaft oder zur Brennholzgewinnung gerodet. Bilder in der Schule zeigen, wie kahl der Bergrücken noch vor 20 Jahren war. Wer heute aktuelle Satellitenbilder sieht, erkennt, was hier an beeindruckender Arbeit geleistet wurde.

Nach dem Besuch der Schule stiegen wir durch kleine verwinkelt Gässchen und Treppen den Hügel hinauf und konnten die üppige Vegetation bestaunen. Besonders schnell wächst hier Bambus, dessen Halme – Bambus ist ein „verholzendes Gras“ – dick wie Beine werden und zehn oder mehr Meter in die Höhe sprießen. Palmen und diverse Bäume wachsen auf dem Hügel und tauchen die Landschaft in ein sattes Grün. Auch Sträucher und Büsche mit bunten Blumen gedeihen prächtig.

Eine Favela ist eine Favela

Auch wenn der Wendepunkt im Jahr 2009 viel Gutes bewirkt hat, so sahen wir beim Spaziergang durch Babilônia immer wieder deutlich den Ursprung dieser Siedlung. Viele einst provisorische Hütten, die nach und nach standfester gemacht und ausgebaut worden sind und doch die armen Verhältnisse widerspiegeln, in denen die Menschen hier leben. Meist fehlen Straßen und nur selbst gebaute Treppen führen zu den Häusern. An manchen Stellen wurden seitens der Stadt wichtige Treppen ausgebaut und befestigt oder Wege instand gesetzt und befestigt. Doch noch immer läuft Abwasser oft durch offene Rinnen. Immerhin haben die meisten Häuser einen Wasseranschluss, sodass das Wasser nicht mehr in Kanistern im Tal abgefüllt und auf den Berg geschleppt werden muss. Dennoch stehen auf manchen flachen Dächern große Wasserbehälter.

Bei vielen Häusern sind ein oder zwei Stockwerke fertig, das Stockwerk darüber existiert nur als Rohbau oder gar nur durch aufragende Moniereisen. Wird weiterer Wohnraum gebraucht, weil die Familie wächst, dann wird einfach weiter gebaut.

Das die Häuser für so etwas wie eine Müllabfuhr schwer bis garnicht erreichbar sind, zeigen hier und dort Müllberge in Hinterhöfen. Oft hängt Wäsche auf Leinen zum trocknen aus und wir sehen viele Satellittenschüsseln für den TV-Empfang.

Viele Bewohner machen es sich in ihren Häusern und Wohnungen gemütlich. Es hängen üppig bepflanzte Blumenkästen an Fenstern und manchmal zeigt das Außenaggregat einer Klimaanlage bescheidenen Luxus an.

Die Reichen kommen? Villa in der Favela

Weit oben am Hang unweit der Polizeistation ist ein prächtiges modernes Haus zu bestaunen. Minimalistisch im Stil sind die Stockwerke containerartig versetzt aufeinander gestapelt. Unsere Gastgeberin berichtet, dass sich hier ein reicher Städter ein Domizil gebaut hat. Das sei ein neuer Trend, dass sich wohlhabende Leute an exponierten Stellen in den befriedeten Favelas Häuser mit guter Aussicht bauen. Ein Zeichen, dass die Armut in Babilônia abnimmt? Wohl eher dafür, dass die Reichen hier langsam Potential für sich entdecken.

Doch es gibt noch einen anderen Bauherren. Wir sehen an einem Hang zwei viergeschossige Gebäude mit zwei Wohnungen pro Etage. Die Stadt hat diese als sozialen Wohnraum gebaut. Hier ziehen Familien ein, die beispielsweise in baufälligen Hütten hausten oder deren Behausung beispielsweise durch Hangrutschungen gefährdet waren. Ein weiter dieser Wohnblocks ist im Bau. Hier wird deutlich, dass sich die Stadt tatsächlich um die Favelas und ihre Bewohner kümmert.

Auch die Infrastruktur in Babilônia wird besser. Es gibt kleine Läden, Kioske, Cafés und Bars. Ein überdachter Sportplatz mit einer danebenliegenden Boxschule bietet den jungen Menschen Freizeitmöglichkeiten und Beschäftigung. In der Boxschule schauen wir kurz Jungen und Mädchen beim Training zu. Die Jugendlichen sind fröhlich, lachen und winken uns zu, bevor der Trainer wieder ihre Aufmerksamkeit einfordert.

Atemberaubende Aussicht Bescheidenheit im Vordergrund und Reichtum im Panorama.

Je höher wir hinauf steigen, um so beeindruckender wird die Aussicht. Es wird klar, dass dieses einstige Armen- und Drogenviertel einen einmalig schönen Blick über Rio bietet, um den so manches Luxushotel diese Siedlung beneiden dürfte.

Wir machen Rast auf einer Terrasse mit einer kleinen Theke. Die Terrasse dient den Einheimischen als Treffpunkt. Der Blick schweift von hier über die Copacabana, den Zuckerhut und die Kulisse der Stadt, die in der Sonne strahlt. Die Favela Babilônia ist eine eigene Gemeinde für sich mit ihrem ganz eigenen Leben und doch liegt sie mitten der Weltstadt Rio de Janeiro und ist ein Teil von ihr. Wir gehen mit vielen neuen Eindrücken wieder bergab durch weitere verwinkelte Gässchen und Pfade.

Die Favela Babilônia ist eine Station gegen Ende der Rundreise „Best of Südamerika „. Diese kostet beim Anbieter Viventura (www.viventura.de) je nach Saison zwischen 3999 und 4399 Euro. Die Anreise mit dem Flugzeug ist durch den internationalen Flughafen von Rio de Janeiro „Antônio Carlos Jobim“ problemlos möglich. Mehrere Airlines fliegen ihn von Deutschland aus an. Die Einreise nach Brasilien und die Nachbarstaaten ist für deutsche Staatsbürger ohne Visum möglich, es genügt ein gültiger Reisepass.