Written by Andreas Lerg

Inka-Kult und fauler Zauber auf dem Hexenmarkt von La Paz

Inka-Kult und fauler Zauber auf dem Hexenmarkt von by Andreas Lerg

Wer die bolivianische Millionenstadt La Paz in über 3200 Metern Höhe besucht, der sollte sich den „Mercado de Hechicería“ anschauen. Das erst recht, wenn er sich für okkultes und spirituelles interessiert, denn dieser Hexenmarkt strotzt vor allerlei obskuren Dingen, Mittelchen und käuflicher Zauberkunst. Klamauk und Spuk aber sucht der Reisende hier vergebens, denn die alte Inka-Kultur bildet das Fundament dessen, was hier feil geboten wird.

La Paz ist der Sitz der bolivianischen Regierung aber nicht Boliviens Hauptstadt, wie viele denken. Wer sich diese Stadt von einem ihrer erhöht liegenden Aussichtspunkte anschaut, der hat das Gefühl, als würde eine Lawine aus Backsteinen die Hänger herunter fließen. Die Hänge sind meist bis auf den Kamm zum Hochplateau mit Häusern und Siedlungen voll gebaut. Auf dem Hochplateau liegt „El Alto“ – „Die Hohe“ – früher einst nur ein Stadtteil von La Paz, jetzt eine eigene Stadt.

Der Hexenmarkt versteckt sich mitten im Zentrum der Stadt. Wer den Plaza San Francisco mit der gleichnamigen Kirche gefunden hat, braucht nur die daran angrenzende Straße „Calle Santa Cruz“ hinaufzulaufen. Vor allem in dem Block, den diese mit den Straßen Calles Jiménez, Linares und Sagárnaga schlägt das Herz des Hexenmarktes.

Bald sieht man die „Chiflerías“, wie die farbenfrohen Läden heißen, die auf verheißungsvolle Namen wie „Angel de la Guarda“ (Schutzengel) hören und den Kunden unter anderem „Salud, Dinero y Amor“ (Gesundheit, Reichtum und Liebe) versprechen. Wer sich den Läden nähert, wird bald einen sehr strengen Geruch in der Nase haben, der von einigen der feilgebotenen Waren herrührt und eher wenig Gesundheit zu verheißen scheint.

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Ungewöhnlich bis makabres Sortiment. (Bild: Andreas Lerg)

Die Frauen, „Doñas“ genannt, die die Läden meist betreiben, bieten alles an, was für Zauberei, okkulte Riten und traditionelle Heilkunst nötig und nützlich ist. Natürlich sind sie auch in diesen Künsten bewandert und stellen den Kunden gerne entsprechende „Rezepte“ zusammen.

Meist sind die Doñas in bolivianischer Tracht gekleidet, was vor allem an den schwarzen runden Hüten und den weiten mehrlagigen Röcken zu erkennen ist. Oft haben sie geflochtene Zöpfe und die wenigstens würde man wirklich als jung bezeichnen. Eher das Gegenteil trifft zu, denn das Leben hat sichtbare Spuren in ihre Gesichter gezeichnet. Nur wenige Läden werden von einem „Don“ betrieben.

K’oa bittet um Pachamamas Gunst

Wer „Pachamama“, also Mutter Erde um eine gute Ernte bitten will oder Glück und Segen für ein neu zu erbauendes Haus erflehen möchte, dem stellen die Hexenmeisterinnen maßgeschneiderte Mixturen für ein K’oa genanntes Brandopfer zusammen.

„Pachamama“ ist in der Inka-Sprache „Quecha“ die „Mutter der Welt und des Kosmos“. Sie wird vor allem in den Anden als „Erdmutter“ betrachtet, die allen Kreaturen auf Erden das Leben schenkt, Lebewesen ernährt und beschützt. Sie vermittelt zwischen Ober- und Unterwelt und Menschen können mit bestimmten Ritualen mit ihr kommunizieren. Sie ist die zentrale Gottheit in der Inka-Kultur.

Auf einem großen Bogen Papier werden zunächst Kräuter kreisförmig ausgestreut. Darauf arrangiert die Doña weitere Zutaten. Dazu gehören Zuckertäfelchen, auf denen okkulte Symbole als Relief oder in bunter Farbe gemalte Bilder zu sehen sind.

Die Reliefs oder Bilder symbolisieren die Wünsche, die die Kunden an Pachamama richten wollen. es sind meist die „üblichen verdächtigen“ wie Geld, mehr Macht, Gesundheit, Liebe oder Schönheit.

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Bunt gefärbte Wollfetzen werden ebenso auf der Mischung drapiert wie Silber- oder Goldpapier. Für Glück und Segen für das neue Eigenheim muss auf jeden Fall auch noch ein getrockneter Lamafötus auf die Mischung gepackt werden.

Ist die Mischung fertig, wird alles in das Papier eingeschlagen. Der Kunde bekommt meist den Rat mit auf den Weg, das Brandopfer freitags darzubringen, denn dann ist Pachamama besonders empfänglich für den Zauber und die damit verbundenen Wünsche. Wer ein Brandopfer für ein neues Haus nutzt, der bringt die Asche der Mixtur in das Fundament ein.

Natürlich mischen die Doñas nicht nur die K’oas zusammen. Sie bieten auch, Kräuter, Pülverchen, Tinkturen und Elixiere aber auch getrocknete oder eingelegte Organe von Tieren an, die gegen alle möglichen Krankheiten oder Gebrechen helfen sollen. Mit Wissen und Rat empfehlen sie den Kunden, was gegen Rheuma, Fieber und andere Leiden hilft.

Böser Zauber ist auch im Angebot

Doch die Hexen in der Calle Santa Cruz und den Nebenstraßen beherrschen auch die dunklen Zauberkünste, mit denen es möglich sein soll, Menschen zu beeinflussen. Ehefrauen, die sich betrogen fühlen, kaufen oft Kerzen in Tiergestalt. In eine wird der Namen des treulosen Ehemannes eingeritzt in eine andere der Namen der Nebenbuhlerin. Bei Nacht in einer Kirche entzündet, begleitet von Beschwörungen, soll dieser Zauber den Ehemann wieder an den heimischen Herd und vor allem ins heimische Bett bringen.

Dass viele an Macht und Kraft der Hexen glauben, zeigt sich daran, dass es in den Chiflerías nur äußerst selten Ladendiebstähle gibt. Keiner will den Unmut einer der Hexenmeisterinnen auf sich Laden und die Konsequenzen böser Zauberkunst tragen.

Toursiten werden auch „verzaubert“

Doch die Händler des Mercado de Hechicería haben auch Touristen entdeckt und bieten diesen ebenfalls Waren und Dienstleistungen an. Da wird aus Tarotkarten die Zukunft gelesen, obwohl das nichts mit den Ursprüngen der bolivianischen Hexenkunst zu tun hat, die ihre Wurzeln in der Inkakultur haben. Und viele der Besucher aus dem Ausland kaufen gerne kleine Skulpturen, Amulette und Talismans als Souvenir, ohne sich um deren Bedeutung und angebliche Wirkung zu scheren.

Der Hexenmarkt von La Paz ist eine Station auf der Rundreise „Best of Südamerika „. Diese kostet beim Anbieter Viventura (www.viventura.de) je nach Saison zwischen 3999 und 4399 Euro. La Paz bietet sich auch für einen Stadtbummel entlang der Hauptstraße an, die sich durch die ganze Stadt zieht und deren Zentrum bildet. Wer von einem der Hügel über die Stadt schaut, hat den Eindruck, dass sich eine Lawine aus Backsteinen über die Hänge ergießt, denn viele Berge sind vom Tal bis auf das Hochplateau bebaut. Sehenswert ist auch das Valle de la Luna, die „Mondlandschaft“ im Süden der Stadt. Die bizarren Steinformationen haben diesem Tal seinen Namen gegeben. La Paz ist von Deutschland gut über seinen internationalen Flughafen Aeropuerto Internacional El Alto zu erreichen. Die Einreise nach Bolivien und seine Nachbarstaaten wie Peru ist für deutsche Staatsbürger ohne Visum möglich, es genügt ein gültiger Reisepass.